Banner grau im Gericht mit Ulvi

Ermittlungen

Ulvi

 

Ulvi Kulac, geb. 13.12.1977 in Naila

Auf Grund einer im Alter von 2 ½ Jahren erlittenen Gehirnhautentzündung ist er seitdem geistig behindert.

Mit einem gesamt-IQ von 67 erreicht Ulvi ein Ergebnis, das von 96 % der Altersgruppe übertroffen und der Wechsler-Kategorie „sehr niedrige Intelligenz“ zugerechnet wird; nach der neuen HAWIE-Form wird diese Leistung sogar nur mit einem IQ von 54 bewertet. (Auszug aus dem testpsychologischen Gutachten des Herrn Dr. phil. Wolfgang Weber der Uni München vom 21.1.2003)

 

 

Da Ulvi bereits durch exhibitionistische Handlungen vor Kindern aufgefallen war, hatte man ihn auch sofort hinsichtlich des Verschwindens von Peggy Knobloch im Visier. Er konnte jedoch für den Tag des Verschwindens ein lückenloses Alibi nachweisen.

Tagesablauf

Ein halbes Jahr nach Peggys Verschwinden musste sich die Soko eingestehen, dass man bei den Ermittlungen hinsichtlich Verbleib Peggy Knobloch nicht vorangekommen war; die Angaben von Ulvi konnten weder durch Spuren noch durch Zeugenaussagen belegt werden.

Es ergeht die Pressemitteilung, dass Ulvi nichts mit dem Verschwinden von Peggy Knobloch zu tun hat.

 

Pressebericht

 

Beckstein unzufrieden

Die Bayerische Staatsregierung war unzufrieden über die Erfolglosigkeit; es musste eine Lösung gefunden werden, den Fall abzuschließen! Mindestens seit Ende 2001 hatte sich Beckstein persönlich in den Fall eingeschaltet und die Ermittlungen in neue Bahnen gelenkt. Beckstein räumt ein, dass die damaligen Ermittler unter Erfolgsdruck standen.

beckstein

 

 

„Ich habe mitgeteilt bekommen, dass dann in der Tat ein Verdächtiger von der Polizei ins Visier genommen worden ist”,  so Beckstein.

 „Es war Ulvi, ein junger Mann, der nicht gerade als Intelligenzbolzen verschrien war und prinzipiell auch als gutmütig galt.” Von da an habe er über den Fall nur noch aus der Presse verfolgt und seine Leute arbeiten lassen. Schlussendlich habe dann ohnehin die Justiz den Fall übernommen und von diesem Punkt an habe er als Justizminister keine Möglichkeit mehr gehabt, das Verfahren zu steuern.” (Qellenangabe: Ina Jung/Christoph Lemmer „Der Fall Peggy“)

 

Neuer Soko-Chef

Mit Wirkung vom 25.2.2002 kürt Beckstein einen neuen Chef der Sonderkommnission Peggy einen Mann, der sich schon mehrfach als vertrauenswürdig erwiesen hat – Kriminaldirektor Wolfgang Geier. Geier ist damals als Chef der Polizeidirektion Aschaffenburg und wartet schon lange auf eine neue Aufgabe. Er hatte 1972 als Bereitschaftspolizist in Nürnberg angefangen und war danach für 5 Jahre zur Kripo Bamberg gewechselt, wo er als Drogenfahnder arbeitete und immer wieder für Sonderaufgaben abgestellt wurde. Später wurde er Dienstgruppenleiter und ging zur Mordkommission. 1990 schloss er ein Studium an der Polizeiführungsakademie in Münster ab und übernahm als Kriminalrat die Leitung der Kripo Würzburg. 1992 wurde er Chef der Polizeidirektion Aschaffenburg.

Als die Soko I Ende des Jahres 2001 zu scheitern droht, wendet sich Beckstein an den als hartnäckig und akribisch bekannten Beamten und bittet ihn, den Fall zu übernehmen. Geier sagt zu. Eine Entscheidung, die sich später für ihn auszahlen sollte.

2003 wurde er zum Leiter der Kriminaldirektion Nürnberg ernannt, seit 2007 ist er oberster Verbrechensbekämpfer im Bayerischen Regierungsbezirk Unterfranken. Außerdem leitete er ab 2005 die Soko Bosporus, die die Morde der rechtsextremistischen Terrorgruppe NSU aufzuklären versuchte. In beiden Fällen – Peggy und NSU-Morde – hatte die Politik ein starkes Interesse daran, die Handlungsfähigkeit des Staates zu beweisen, und in beiden Fällen mühte sich Geier, diese Erwartungen einzulösen.“ (Ina Jung/Christoph Lemmer „Der Fall Peggy”)

Geier

„Im weiteren Ermittlungsprozess sollte der Soko-Leiter konsequent daran arbeiten, diese Hypothese gerichtsfest zu machen. Interessant ist dabei vor allem, wie beharrlich er selbst deutliche und überzeugende Gegenbeweise ignoriert. Was in seine Theorie passt, fügt er in das Gerüst seiner Ermittlungen ein. Passt etwas nicht, wird es aussortiert.

Auffällig ist sowohl bei den NSU-Morden als auch im Fall Peggy, dass Geier versuchte, türkische Täter zu finden. Im Fall Peggy ist es zunächst der türkische Lebensgefährte von Peggys Mutter, dessen Schuld Geier zu beweisen versuchte. Als das dann ins Leere zu laufen droht, nimmt er sich den Halbtürken Ulvi Kulac vor”. (Quellenangabe: Ina Jung/Christoph Lemmer “Der Fall Pegg”)

 

Tathergangshypothese

Nach Gesprächen von Geier mit seinen Ermittlerkollegen wird der Münchner Profiler Horn mit der Erstellung einer sog. Tathergangshypothese beauftragt. Dass ihm nicht alle notwenigen Unterlagen übergeben wurden und sich Geier voll auf Ulvi als den Täter festgelegt hatte, konnte Horn nicht ahnen.

Auch konnte Horn nicht wissen, dass der Kleinkriminelle und ehemalige V-Mann der Polizei seine Aussage wahrheitswidrig zu Protokoll gab, Ulvi habe ihm den Mord an Peggy gestanden.

Tathergangshypothese
Tathergangshypothese 2

 

Geständnis

3 Monate lang bereitet sich Geier durch Aktenstudium auf die Vernehmungen von Ulvi vor mit dem Ziel - was sein Vorgänger nicht erreicht hat - ein Geständnis! Und das ließ nicht lange auf sich warten - genauso, wie in der Tathergangshypothese vorgegeben, habe Ulvi dann die Tat auch gestanden!

Ein Geständnis in einer Vernehmung, bei der der Verteidiger “gerade mal” nicht dabei war, von der keine Tonbandaufzeichnung existierte, “weil man da schon schon die Gerätschaften abgebaut hatte.” Tatsächlich berichtete der Verteidiger im Wiederaufnahmeverfahren, dass Aufzeichnungen - wenn sie denn getätigt wurden - nicht von einem Tonbandgerät, sondern von einer sog. Stenorette, die in jede Hosentasche passt, aufgenommen worden.

Die Öffentlichkeit wurde erst 3 Monate später über das Geständnis von Ulvi informiert!

Ulvi erinnert sich noch heute an die tagelangen einschüchternden und quälenden Vernehmungen mit der Forderung zuzugeben, er habe Peggy umgebracht.

Einem Pfleger war es wert, die Krankenhausleitung zu informieren über sein Erlebtes, wie man bei der Vernehmung von Ulvi laut brüllte und Akten auf den Tisch geknallt hatte. Daraufhin sollte Ulvi keinen “Heimvorteil” mehr haben: die Vernehmungen verlegte man einfach in die Räume der Polizei in Hof.

Auch musste eine Psychologin darauf hinweisen, man möge die Vernehmungen nicht wieder so sehr ausdehnen, Ulvi sei sehr aufgeregt gewesen, er müsse engmaschig beobachtet werden, da man suizidale Neigung vermute!

Aussage

Ulvi blieb hartnäckig bis zur Vernehmung am 2. Juli 2002 - der Druck mit dem   wahrheitswidrigen  Vorhalt, man habe Blut von Peggy an seiner Arbeitskleidung gefunden, wird erhöht - auch hier  hält er noch einmal dagegen: “ich habe ja Peggy gar nicht angelangt “ - bis er nicht mehr konnte!

Blut

Tatsächlich wurde an der Arbeitskleidung von Ulvi kein Blut gefunden ; selbst wenn die Mutter die Kleidung im nachhinein gewaschen hätte, wäre es nachweisbar gewesen!

blutfund

Geier musste nun selbst feststellen, dass er zwar ein Geständnis – aber keinerlei Beweise - hatte!!

keine Beweise (Geier)

Geier ordnete erneute Zeugenbefragungen an; Zeugen, die entlastend für Ulvi aussagten, wurden in stundenlangen Vernehmungen in Menschen verachtender Art und Weise unter Druck gesetzt und verunsichert, bis man ihre Aussage letztendlich für unglaubwürdig erklärte.

Aussage Klinkert

Auch der Zeuge Dieter Teichmann berichtete Gleiches; auch er - ein gestandener älterer Herr, als seriös und ehrlich im Ort bekannt - wurde bei den Vernehmungen angebrüllt und als Lügner bezeichnet. Er hatte von Beginn der Vernehmungen an stets die gleiche Aussage getätigt, er hatte aber auch immer betont, dass er sich um 5 Minuten hin oder her durchaus täuschen könne; von der Polizei jedoch werden jedoch 15 Minuten vermerkt.

 

Peggy wurde aus dem fahrenden Bus heraus von einer Freundin kurz vor ihrem Wohnhaus laufen gesehen; das war laut Fahrtenschreiber des Busses und der Aussage des Busfahrers kurz vor 13.30 Uhr. Diese Uhrzeit passte jedoch nicht ins das Konzept eines Herrn Geier hinsichtlich der Tatzeit von Ulvi. So wurde die Ankunftszeit des Busses einfach “passend gemacht.”

Bus Standzeiten

 Ein Ehepaar war an diesem 7. Mai 2001 auf Wohnungssuche in Lichtenberg und kam mit ihrem PKW an einem Grundstück vorbei, in dem zwei Herren Holz machten. Die Frau berichtete den Ermittlern von einem Mann, der sie so angestarrt hätte, sie würde ihn aber auf einem Foto wiedererkennen. Ihr wurde ein Foto vorgelegt, von dem sie meinte, dass es der Herr schon gewesen sein könne, er wäre aber etwas dicker gewesen und hätte blonde Haare gehabt. Damit hatte sich die Sache für die Polizei erledigt.

Göggelmann

Tatsächlich wurde dieser Dame kein aktuelles Foto von Ulvi vorgelegt; denn hätte man ihr ein aktuelles Foto von Ulvi vorgelegt, so hätten die Zeugin und auch die Ermittler den Mann erkannt, ja erkennen müssen, den die Zeugin gesehen hat, nämlich Ulvi - dicker und mit blond gefärbten Haaren!

Foto Ulvi

Allein diese Beispiele zeigen, dass bei den Ermittlungen keine Fehler gemacht wurden, sondern man gezielt darauf abstellte, Ulvi der Öffentlichkeit als Täter zu präsentieren!

 

Der Wiener Kriminologe Dr. Thomas Müller erklärte gegenüber SAT1:

„Wenn es einen Täter gibt, der geistig zurückgeblieben ist, der zunächst ein Geständnis ablegt, es aber dann widerruft, dann muss man die Frage stellen dürfen, ob alle Maßnahmen und Möglichkeiten von den unterschiedlichen Disziplinen ausgeschöpft wurden“. Auch sei eine Verurteilung ohne Leiche sehr selten!

 

Drehtermin-023